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Wie wir wirklich mit unserem Schicksalsschlag umgehen

Schicksalsschlag - Dimitris im Spital

Es ist erst knapp 10 Monate her und es ist, als wäre es gestern gewesen als ich plötzlich alleine dastand mit 4 Kindern! Mein Mann verstarb völlig unerwartet an einem geplatzten Aneurysma. Ich war erst 40 und es riss mir den Boden unter den Füssen weg! Wie sollte ich diesen Schicksalsschlag überleben? Wie sollte ich weitermachen? Wie sollten es meine Kinder verkraften? Nun sind ein paar Monate vergangen und ich möchte euch gerne berichten, wie es uns ergangen ist.

Es muss etwas Schlimmes passiert sein

Mein Mann und ich waren beide immer berufstätig. Über all die Jahre wo wir zusammen waren, teilten wir uns die Fürsorge für unsere Kinder auf. Je nach Lebenszeitpunkt war das unterschiedlich: einmal mehr ich, einmal mehr er. Zusammen jedenfalls, waren wir ein super Team!

Als ich an diesem grauen Novembermorgen mit der Kleinsten auf den Bus ging um sie zur Kita zu bringen, hätte ich natürlich nie gedacht, dass ich ihn nie mehr so wie er war sehen würde! Ich rief ihn noch an um 8h11, dass ich meine Tasche vergessen hatte. Er wollte sie mir an den Bahnhof bringen. Doch ich wartete vergebens. Ich schrieb ihm eine Nachricht und ging auf den Zug. Hatte ich doch an diesem Tag einen wichtigen Workshop zum Thema „Women Emporement“.

Als er sich nicht meldete bis am Nachmittag, kam mir das komisch vor. Ich tat es aber ab und dachte, dass er viel zu tun hätte und mich gleichzeitig wohl nicht stören wolle.

Ich machte mich auf den Heimweg. Ein unangenehmes Gefühl packte mich, was mich dazu brachte meine Maxi anzurufen. Ich fragte, ob sie Papa gesehen hätte. Sie verneinte. Ich bat sie ins Schlafzimmer zu gehen und nachzusehen. Er sei nicht da. So legte ich auf. Ein paar Minuten später rief sie mich an und sagte: „Mama, das Auto ist so komisch parkiert. Das hätte Papa nie so gemacht.“ Da wurde mir unwohl. Und ein paar Minuten später: „Mama da ist ein Mann an der Türe, er möchte mit dir sprechen“. Bumm! Da wusste ich, dass etwas Schlimmes passiert sein musste!

Die paar Minuten nach Hause kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Ich wurde informiert, dass mein Mann am Morgen um 8h14 zusammen gebrochen und umgehend eingeliefert worden war ins Spital. Er lebe und ich könne ihn besuchen gehen.

Gehe ich damit echt an die Öffentlichkeit?

Viele von euch haben damals unseren Schicksalsschlag miterlebt. Als es uns passierte, war ich einfach nur noch ein funktionierendes Häufchen Elend. Meine Gedanken rasten vor Sorge um ihn, um meine Kinder und es taten sich ständig wieder neue Fragen auf. Zum Glück erfuhren wir eine gute Betreuung im Spital vorallem von einem Arzt, der mich auf das Schlimmste vorbereitete. Doch plötzlich hatte ich noch ein anderes Problem: Wie gehe ich mit unserem Schicksalsschlag um öffentlich?

Es gab für mich praktisch 3 Optionen:

  1. Rückzug aus den Social Media und ich blogge nicht mehr (für eine Weile zumindest)
  2. Weiterführung der Themen, die ich geplant habe und ziehe es durch, ohne über mein wirkliches Empfinden zu bloggen
  3. Ich bin authentisch und teile unseren Schicksalsschlag mit meiner Community

Ich weiss noch, wie ich den Arzt um Rat gefragt habe. Ich bin zwar nicht mal Cervelat-Prominenz, und doch habe ich eine bestimmte Reichweite und eine kleine Bekanntheit. Deswegen auch meine Frage an ihn, wie denn Prominente reagieren würden in diesem Moment. Er meinte, dass die Transparenz in diesem Moment das Beste wäre. Es war, als wäre wenigsten ein Stein von meinem Herzen abgefallen: ich wusste, ich möchte kein Versteckspiel und ging an die Öffentlichkeit damit.

Dies löste von Anfang an kontroverse Meinungen aus. Ich kann das auch bis zu einem gewissen Punkt auch verstehen. Der Tod und die Trauer sind eine intime Angelegenheit. Unsere Gesellschaft scheint den Tod nicht zu akzeptieren, die Trauer zu verdrängen. Sind in anderen Kulturen wie auch bei uns früher unaufgeforderte Besuche im Haus der Angehörigen der Normalfall, scheut man sich heutzutage hier in Mitteleuropa überhaupt darüber zu sprechen. Ich selbst kenne es von Griechenland, wo man den Toten verabschiedet und während 48 Stunden um ihn weint. Dieses oder andere Rituale kennen auch andere Kulturen. Doch bei uns scheint es dies kaum mehr zu geben.

Als ich mich also mit dem folgenden Post an die Öffentlichkeit traute, war mich nicht klar, was es auslösen würde:

https://www.instagram.com/p/B5bASk_giy-/?

Doch irgendwie nahm es Eigendynamik an: Es schrieben mir bekannte und unbekannte Leute auf allen möglichen Kanälen und drückten ihr aufrichtiges Mitgefühl aus. Wir wurden überschüttet mit so viel Anteilnahme, dass wir uns getragen und verstanden fühlten! Natürlich nimmt einem das den Schmerz nicht ab, aber anstatt dass wir uns verkrochen haben, bekamen wir Nachrichten, Besuch und Telefone von herzlieben Menschen. Unser Umfeld unterstützte uns auch in Dingen, die ich nicht angehen konnte, da mir jegliche Energie fehlte.

Und meine Erfahrung zeigt mir bis heute, je offener ich damit umgehe, desto mehr kommt zurück. Es muss einfacher sein fürs Umfeld, wenn man offen darüber spricht. Man öffnet sich und dem Umfeld Tore um damit fertig zu werden.

Die vergangenen Monate erfuhren wir viel Unterstützung: Familie, Freunde und Bekannte, die für die Kinderbetreuung sorgten, verschiedene Menschen, die uns zu sich nach Hause einluden, regelmässige Anrufe und Fragen zum Gemütszustand, geliefertes Essen und sogar auch finanzielle Hilfe. Alles so selbstlos. Das war echt bemerkenswert! Selbst unsere Wohngemeinde meldete sich und erledigte für mich ein paar Dokumente als Unterstützung! Auch bei der Arbeit erfuhr ich vorallem anfangs ähnliches: Mein Chef und mein Team standen mir bei und versuchten immer wenn nötig auf mich einzugehen.

Wie ist es für mich? Ehrlich gesagt, hatte ich keinen Plan, wie es mit uns weitergehen sollte. Doch immer dort, wo ich drohte abzustürzen traf ich auf einen Menschen, der meinen stummen Hilferuf verstand. Es ist nämlich nicht so, dass man laut und deutlich um Hilfe fragt. Es fehlt einem die Energie dazu. Nett gemeinte Aussagen, wie melde dich, wenn du es brauchst, sind oft wenig zielführend. Grössere Unterstützung war mir, wenn Menschen aktiv etwas vorschlugen. Sei es ein Gespräch oder eine aktive Hilfe – da sprach ich einfacher darauf an.

Meine Offenheit scheint nicht selbstverständlich zu sein, wie ich erfahren habe. Deswegen habe ich einem Artikel von 20min über unsere Geschichte zugestimmt. Im Artikel kommt auch eine Trauerbegleiterin zu Wort. Sie ermutigt das Umfeld zu handeln, da den Trauernden oft die Kraft fehlt aktiv zu fragen.

Das zweite Tief traf uns wirklich fest mit Corona

Kaum hatten wir uns etwas gefangen und mit unserem Schicksalsschlag abzufinden. Dies war möglich durch das enge Netz von unserem Umfeld, kam die Coronazeit! Von einem Tag auf den anderen war ich mit 4 Kindern alleine zuhause, ohne viel Kontakt und aktive Hilfe mehr. Es fiel mir schon schwer die Massnahmen zu akzeptieren. Hatten wir doch gerade die Erfahrung mit dem Tod gemacht. Und gegen den kann man sich leider nicht wehren, geschweige denn ihn aufzuhalten.

Aber nun so viele Menschen von Angst getrieben zu sehen und die Soziale Distanz zu ertragen, riss mich sehr tief runter. Der Schmerz war kaum dämpfbar. Doch viel schlimmer war, dass Menschen, die vorher regelmässig zu uns nach Hause kamen, sich plötzlich nicht mehr trauten. Ich war völlig auf mich alleine gestellt. Jobmässig noch mehr arbeiten als sonst, zudem kam das Homeschooling und das ständige Kochen dazu. Ich fühlte mich aufgeschmissen. Ich weinte oft nächtelang.  Meine Nerven und meine Gesundheit schienen verrückt zu spielen.

Gott sei Dank gab es dann noch während Corona Menschen, die uns trotzdem mit der Zeit wieder besuchten inkl. Social Distancing versteht sich. So musste ich beispielsweise auch meinen Geburtstag nicht ganz alleine feiern.

Wie geht es uns heute 10 Monate nach unserem Schicksalsschlag?

Seit der Auflösung des Lockdowns bis jetzt ist für uns die Zeit sehr schnell vorbei gegangen. Ehrlicherweise, hatte ich eine schreckliche Angst vor den Sommerferien. Denn die letzten mit Papa waren noch in so frischer Erinnerung. Ich haderte bis zur letzten Minute mit mir, ob ich mit den Kindern ans Meer nach Griechenland fahren sollte oder nicht.

Aus Vernunftgründen und meinen Kindern zuliebe (weil sie wegen dem Drum und Dran und Coronamassnahmen nicht weit reisen wollten), sind wir in der schönen Schweiz geblieben. Wir verbrachten ein paar Tage im Tessin, in Nendaz und am Genfersee. Es war ein Auf und Ab der Gefühle – ein grosser Schmerz – aber im Grossen und Ganzen haben wir es gut gemeistert. Schwer waren vorallem die Geburtstage und die Jahrestage. Wir hätten dieses Jahr unseren 12 zivilen Hochzeitstag gehabt. Die Maxi wurde schon 12 und die Mini 4.

Ferien in Frankreich im Mai 2019
Ferien in Frankreich im Mai 2019 – eine glückliche, vollständige Familie

Wie kommt man durchs erste Trauerjahr?

Als Dimitris starb, sagte man mir, dass das erste Jahr das schwierigste sei. Es muss alles einmal ohne ihn durchgemacht werden nach diesem Schicksalsschlag. Weihnachten war es das erste Mal. Der Schmerz war immens. Dann kam der Geburtstag von Midi im Januar. Die Sportferien, die annullierten wir. Ich hatte keine Kraft ohne ihn irgendwo hin zu fahren. Dann mein Geburtstag, Ostern, Griechische Ostern, der Geburtstag vom Grossen, Dimitris Geburtstag, etc. Wir versuchten – zwecks Corona gar nicht leicht – jedes Fest auch ohne seine direkte Anwesenheit zu feiern. Wir fühlen ihn noch bei uns. Er wird für immer ein Teil von uns sein. Und er ist bestimmt sehr stolz über uns alle!

Dimitris mit Mini ob Zug
Dimitris mit Mini ob Zug. Wir wissen, er ist immer mit uns – er schaut auf uns hinab!

Der Schmerz vermischt sich von Tag zu Tag mehr in Richtung Freude einen so tollen Menschen bei sich gehabt zu haben!

Und ich danke allen, die um uns herum sind, dass ihr uns Tag für Tag mitträgt! Ihr seid grossartig!

Bitte denkt alle dran! Einen Schicksalsschlag zu überwinden dauert Jahre. Seid verständnisvoll und bietet aktiv Hilfe an, wenn ihr was gutes tun möchtet! Und auch noch das: Es trauern alle Menschen unterschiedlich. Auch mein Weg ist nicht für alle gut. Seid tolerant und versteht, dass jede/r anders trauert! Mit einem Schicksalsschlag umzugehen ist nicht eine einfache Sache. Verständnis vom Umfeld ist sehr Match entscheidend!

Eure Muriel

April 2019 im Tessin mit seinen Töchtern
Im April 2019 im Tessin mit 2 von seinen Töchtern
Ferien in Spanien im Sommer 2019
Unsere letzten gemeinsamen Sommerferien in Spanien im Juli/August 2019 – wir haben sie für immer in Erinnerung!
4 Comments
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4 Comments

  • Linni

    Hallo meine Liebe,
    dieser Beitrag hat mich tief berührt. Dein Verlust und der deiner Kinder tut mir unendlich leid. Dennoch ist es schön zu lesen, dass ihr es geschafft habt, weiterzumachen und viel an deinen Mann und ihren geliebten Papa denkt.

    Wünsche euch alles erdenklich Gute und schicke euch ganz viel Kraft!

    Liebst Linni
    http://www.linnisleben.de

    • Muriel

      Danke liebe Linni!
      Ja, ich denke das Leben hat noch was für uns zu bieten. Es ist schon traurig, dass das nicht zusammen mit ihm geht. Aber der Schmerz nützt uns nichts!
      Deswegen versuchen wir uns am Schönen fest zu halten!

      Liebe Grüsse
      Muriel

  • Avaganza

    Meine Liebe,

    dein Beitrag ist sehr berührend und danke dass du uns an deiner sehr persönlichen Geschichte teil haben lässt. Das ist keine leichte Entscheidung diesen Schritt zu gehen. Was ihr als Familie erlebt habt, ist einfach unvorstellbar für mich und ich denke dass es besonders schwer für alle Beteiligten ist, wenn man einen geliebten Menschen so plötzlich und unerwartet verliert. Ich wünsche dir und einen Kindern alles Liebe! Du bist eine starke Frau und hast deine Kinder in der schwierigen Situation perfekt aufgegangen … ich hoffe du hast auch einen guten Rückhalt für dich <3!

    Alles Liebe
    Nena

    • Muriel

      Liebe Nena,

      ich danke dir für deine lieben Worte! Ja, die Geschichte zu verbloggen kostete schon Mut. Doch nun ist es raus! Es hat irgendwie auch gut getan. Die Kinder sind mein Ein und Alles und ich möchte, dass es ihnen immer gut geht. Zum Glück habe ich ein gutes Netz an Freunden, die mich auffangen, wenn es mir mal nicht so gut geht.

      Liebste Grüsse
      Muriel

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