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Wie Trauer mich lähmt

Wie Trauer mich lähmt

Schon anfangs November verspürte ich, wie die Erinnerungen und die Trauer mich wieder mehr einnehmen. Es ist dann wie ein Schatten, der mich einholt und ich kann nichts dagegen tun. Das Gefühl ist furchtbar: Mein Schlaf verschlechtert sich, Freundschaften gehen zu Brüche, körperliche Schmerzen oder eine Erkältung brechen grundlos aus, ich bin reizbarer, etc. Doch was macht die Trauer sonst noch mit mir? Sie lähmt mich. Wie sich das auswirkt und was es mit mir tut, versuche ich euch hier mitzugeben in der Hoffnung es hilft euch mit Trauer und trauernden Menschen umzugehen.

Trauer kommt in Wellen

Es ist unglaublich schmerzhaft einen Menschen zu verlieren. Ich wusste dies schon immer, musste ich doch schon in meiner Kindheit Abschied nehmen von einer geliebten Freundin, die den Kampf gegen Kinderleukämie zwar gewann, dann aber in einer Folgeoperation starb.

Hier habe ich meine Gedanken zur kranken Nachbarin verbloggt: Diagnose Kinderkrebs – wie können wir helfen?

Trauer kann einem tief erschüttern und aus der Bahn werfen. Es muss nicht jemand sterben, es kann auch eine Partnerschaft in die Brüche gegangen sein und man vom Gefühl Trauer überwältigt. Das schwere dabei ist, dass man sich nicht vorbereiten kann. Zwar wusste ich über den Schmerz Bescheid seit meiner Kindheit – und trotzdem schlug die Trauer ein und riss mir den Boden unter den Füssen weg, als mein Mann im November 2019 starb.

In meinem Beitrag Wie wir wirklich mit unserem Schicksalsschlag umgehen habe ich die wahre Geschichte um unseren Schicksalsschlag veröffentlicht und beschrieben, wie wir die ersten Monate damit umgehen.

Dimitris mein verstorbener Mann
Dimitris mein verstorbener Mann

Zu Beginn war der Verlust omnipräsent. Unser geliebter Mensch fehlte uns täglich und in jeder Lebenslage. Man kann sich das nicht vorstellen: im Todesfall oder bestimmt auch nach einer Trennung wird man ständig an Dinge erinnert, die einem an den geliebten Menschen erinnern. Bei mir waren es auch Geräusche und Gerüche an die ich mich gewöhnt hatte, nach denen ich mich sehnte. Ich sass in der Küche und wartete auf seine Schritte – die Absätze seiner Lederschuhe waren jeweils markant hörbar. Es verging kaum eine Stunde, wo er mir nicht fehlte. Seine Stimme wollte ich hören, seine Berührungen spüren…. Vorallen wenn sie noch frisch sind, tun Erinnerungen und der Verlust unglaublich weh.

Von plötzlich auf jetzt, einfach irgendwann – gar nicht absehbar – nach Wochen, Monaten oder sogar Jahren, wird das Gefühl des Vermissens seltener oder anders. Für mich war es gemäss dem Spruch «Zeit heilt Wunden» irgendwann anders. Ich konnte längere Pausen zwischen den Erinnerungen hinkriegen.

Eine gewisse Stabilisation kommt ins Leben zurück. Ich spürte manchmal fast eine Euphorie, dass der Schmerz nicht mehr omnipräsent war. Zwar fühlte ich mich in einem Dilemma, denn wie sollte ich das meinem geliebten Menschen gegenüber rechtfertigen, dass ich wieder ein paar unbeschwerte Momente erleben kann? Doch hier half mir Dimitris selbst: Er war so ein guter Mensch war und liebte mich über alles, so dass ich wusste, dass er mich nicht traurig sehen möchte. Das gab mir richtiggehend Trost. Das alltägliche Leben kam irgendwann in den Vordergrund: die Kinder, der Haushalt, die Arbeit, Ausgang mit Freunden, Geburtstage oder Erledigungen. Ich glaube das ist ganz natürlich, und es ergibt sich je nach dem schneller oder langsamer. Ich merkte und akzeptierte irgendwann, dass das Leben weiter geht. Und ich wollte mir und den Kindern ein sinnvolles schönes Leben ermöglichen.

Und dann kommt urplötzlich nach längerer Pause wieder dieser Tag, wo der Verlust von Dimitris wieder omnipräsent ist! Das kann ohne Vorwarnung passieren: Eine Erinnerung, ein Gedanke, ein Geruch – oft weiss ich es nicht. Experten und Trauernde sagen, das kann auch nach Jahren noch geschehen. Meist sind es kleine Wellen und durch positive Ablenkung, eine Umarmung oder einem netten Gespräch, fühle ich mich besser. Doch manchmal habe ich das Gefühl, es kommt innerlich ein Orkan auf! Dieses Gefühl beobachtete ich vorallem, wenn es um Erinnerungen an Ferien ging, sein Geburtstag kam oder der Todestag sich jährt.

Die Trauer lähmt mich

Wenn mich dieser Orkan erwischt, habe ich das Gefühl, die Trauer frisst mir einen Grossteil meiner Zeit und Fähigkeiten auf! Ich habe viel darüber gelesen und verstanden, dass Trauer ein sehr komplexes Thema ist. Irgendwie wissen wir noch gar nicht viel darüber und anscheinend basiert das, was wir zu wissen glauben, noch auf Freud. Psychologen und Hirnforscher sind daran zu verstehen wie die Mechanismen des Gefühls funktionieren.

Mein Credo ist, dass ich versuche mich abzulenken mit erfreulichen Tätigkeiten wie auch Routinearbeiten. Ich versuche ebenfalls aktiv an positive Erinnerungen zu denken. Ob das sinnvoll ist? Für mich macht es das Leben erträglicher UND ich fühle mich besser meinen Kindern gegenüber. Nicht selten äusserten sie sich negativ, wenn ich wieder am Weinen war. Kinder trauern anders und ich versuche manchmal ihre Unbeschwertheit zu geniessen.

Oft kommen Ratschläge von aussen: «du musst das Gefühl der Trauer zulassen», «hör auf traurig zu sein, du musst doch weiterleben», «deine Mine ist doch kein Zustand – komm, geniesse dein Leben», etc. Ich könnte eine Liste schreiben mit Tipps, die ich erhalten habe. Das interessante dabei ist, dass die Tipps sich regelmässig widersprechen.

Doch was bleibt, wenn ich tief traure? Es ist als wenn Kapazität von meinem Hirn weg wäre:

  • der Tag fühlt sich teilweise ewig lang an
  • ich bin vergesslich und habe kein Zeitgefühl mehr
  • der Tagesablauf gestaltet sich als anstrengend. Als wäre ich im Leben einer Fremden, versuche ich mich an die nächste Tätigkeit zu erinnern
  • Erledigungen sind unglaublich zeitfressend – ich muss mir jedes Detail aufschreiben. Oft vergesse ich denn, wohin ich den Zettel getan habe
  • beim Kochen versalze ich das Essen oder es schmeckt nach nichts
  • ich lese meist meine E-Mails, finde aber keine Kraft auf «Antworten» zu drücken – meist denke ich mir die Antwort und hoffe, ich erinnere mich am nächsten Tag noch daran
  • mein Gang wird schwer, ich schlage mir meine Zehen an Türschwellen an und erleide körperliche Schmerzen
  • mein Darm macht komplett zu und ich mag nichts mehr essen – Verstopfung ist vorprogrammiert
  • ich weiss, ich muss mich zwingen abzumachen – doch ich vergesse die Termine oder habe keine Kraft hinzugehen
  • Freundschaften gehen zu Bruch

Es gibt kein richtig oder falsch – Trauerprozesse sind individuell und wenig erforscht

Seit unserem Schicksalsschlag werde ich teilweise richtig gehend bombadiert mit Ratschlägen. Dies deutet mir an, dass es für die Menschen da draussen ein richtig und ein falsch gibt. Doch meine Meinung deckt sich mit Uta Schmidt vom deutschen Bundesverband Trauerbegleitung: „Wer nichts von Trauerprozessen weiß, hat keine Idee davon, wie Trauernde sich in ihrer Welt fühlen“. Durch Ratschläge fühle ich mich oft unsicher und schlecht. Ich tröste mich dann jeweils damit, dass ich Verständnis habe den Ratschlag gebenden Mitmenschen gegenüber. Sie möchten ja meistens einfach helfen und wissen es nicht besser. Deswegen übrigens auch dieser und andere Blogbeiträge. Es ist mir wichtig, dass Menschen lernen mit Trauer und Trauernden umzugehen.

Doch auch ich kann euch keinen genaueren Leitfaden geben. Die Trauer scheint ein so komplexer Zustand zu sein, der von vielen Faktoren abhängig zu sein scheint: Beziehung zum Verlust, Lebensphase, soziales Netzwerk, psychologischer Status beim Verlust, etc. Selbst ich als Betroffene kann mir nicht vorstellen, wie andere Trauernde denken und sich fühlen. Vorallem der Zeithorizont scheint mir sehr individuell. Während es uns nach 2 Jahren relativ gut geht, kenne ich persönlich andere Familien, die noch nach 5 Jahren so zu trauern scheinen wie wir in den ersten Monaten.

Ich kann jedoch schon Tipps geben im Umgang mit Trauernden. Denn die vergangenen Monate haben mir viel gelehrt.

Sei tolerant mit Trauenden

Trauer kommt und geht. Man sieht es den Menschen oft nicht an. Je nach Mensch und Kulturkreis behält der Mensch es weniger oder mehr für sich. Bitte verstehe das. Und bitte versuche nicht Gefühle ändern zu wollen. Sag nicht «du musst nicht traurig sein», sondern «ich verstehe dich». Ein kleiner Satz und der tut besser. Bitte vergesse nicht, dass der Zeithorizont von dir und dem Trauernden sehr unterschiedlich ist. Der Verlust kann für dich schon 2 Jahre her sein, doch für den Trauernden fühlt es sich vielleicht an wie gestern. Umgekehrt sei nicht forsch, wenn du einen trauernden Menschen kurze Zeit nach einem Schicksalsschlag unbeschwert siehst. Du hast ihn vielleicht in einem unbeschwerten Moment erlebt, den er braucht um seine Seele heilen zu können. Verurteile nicht, wenn ein trauernder Mensch an keine Party gehen möchte oder eben erst recht jetzt an keiner fehlt. Jeder Mensch braucht andere Vehikel zur Verarbeitung. Erinnere dich immer daran:

Es gibt kein RICHTIG und kein FALSCH. Es gibt nicht nur SCHWARZ und WEISS. Unsere Gefühlswelt ist bunt und es gibt ebenfalls viele Grautöne!

Schreibt mir doch, was ihr noch übers Trauern wissen wollt. Dann berichte ich euch gerne wieder einmal darüber.

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