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Warum ich meine Diplomfeier verpasste

Studierende Mütter und Diplomfeier

Heute hätte eigentlich meine „Graduation“ (Diplomfeier) in Liverpool stattgefunden. Ich wäre diplomiert worden zum „Master of Science in Global Marketing“, ich wäre mit den anderen Diplomanden in einem komischen akademischen Anzug auf der Bühne gestanden und hätte Glückwünsche entgegen genommen. Doch warum „hätte“ und „wäre“? Fangen wir einmal von vorne an.

Nachdem wir aus Griechenland wieder in die Schweiz zurückgewandert waren Ende 2011, war ich in Erwartung mit meiner mittleren Tochter. Doch kopfmässig fehlte mir etwas. Ich dachte, das lege sich wieder mit der Geburt vom neuen Baby. Doch dem war nicht so. Stundenlang surfte ich im Internet wo mich mein beruflicher Weg wohl hinbringen könnte. 12 Tage nach Geburt stieg ich wieder bei der Arbeit ein, ich arbeitete anfangs ca. 50% und durfte die Kleine fast jeden Tag mit zur Arbeit nehmen. Sie war ja so ein zufriedenes Baby. Für 3 – 4 Stunden pro Mal war das kein Problem. Doch meine Arbeit gefiel mir nur noch ansatzweise. In mir wuchs immer mehr der Drang nach einer Weiterbildung. Es war recht schwierig eine Weiterbildung zu finden, wo ich nicht viel Präsenzzeit hatte. Da kam mir meine Freundin von früher in den Sinn, die doch ein Fernstudium in UK gemacht hatte. So fing ich im Ausland an zu recherchieren. Ich sprach mit mehreren Universitäten und kam relativ schnell zum Punkt, dass wenn Weiterbildung, dann erst richtig.

Nach längerer Recherche erzählte ich meinem Mann, dass ich nun doch ein Master machen möchte. Er fiel zwar fast vom Stuhl, aber er versprach mir, mich immer zu unterstützen.

Mein Studium

So schrieb ich mich ein und sparte ab diesem Zeitpunkt jeden Franken zusammen um ihn in dieses Studium zu stecken. Das Studium war so aufgebaut, dass es 12 Module à ca. 4 Monaten plus eine Masterarbeit gab. Jeden Donnerstag startete der virtuelle Klassenraum mit Lesen und Aufgaben. Jeweils Samstags und Mittwochs musste eine Arbeit gepostet werden, plus 3 bis 4 Kommentare über die anderen Arbeiten (Engagement). Dies sollte ich doch einhalten können. Der Arbeitsaufwand war mit ca. 18 Stunden wöchentlich angegeben.

Ich startete im Frühjahr 2013. Das Baby 3 war gerade 1 geworden, ihre grössere Schwester knapp 5 und der Sohnemann 10 Jahre. Ich gebe es zu, es war etwas gewagt. Ich wollte das so fest, dass ich das durchziehen wollte. Es folgten unterhaltsame Jahre. Die ersten Wochen liefen ganz gut. Die Kinder gingen früh ins Bett und ich arbeitete 5x pro Woche abends zw. 2 und 3 Stunden. 18 Stunden kriegte ich kaum hin. Es ging aber, als Mama bin ich glaub schon genug geprüft und gewohnt speditiv und auf Knopfdruck zu arbeiten.

Die erste Zerreissprobe folgte im Sommer. Wir zogen für 3 Monate nach Griechenland und dann wieder zurück. Wir zogen aus der Wohnung aus und 3 Monate später in ein Hotel in den Schweizer Voralpen, wo mein Mann und ich Arbeit gefunden hatten. Der Umzug ging. Es war eine schwierige Zeit, aber ok. Das schlimmste war die Reise nach Griechenland und die schlechte Internetverbindung! Ich musste doch posten und kommentieren! Es war echt schlimm. Ich liess meinen Mann mit den Kindern auf dem Schiff alleine und suchte wie eine Verrückte nach einer halbwegs funktionierenden Internetverbindung. Ich fand eine, die bisschen funktionierte, um die nächsten Posts zu machen. Lernen und Lesen „forget it“! In Griechenland angekommen, suchte ich sofort die Telekom-Firma auf um eine Internetverbindung zu bekommen im gemieteten Haus, welches wir bezogen. Ich musste über 10 Tage warten. Das hätte mir mein Modul gekostet. So ging ich halt täglich ins Dorfcafé, loggte mich ins W-LAN ein, ladete alles runter, schrieb zuhause meine Arbeiten und ladete sie am nächsten Tag im Dorfcafé wieder rauf. Wer mich kennt, weiss, ich finde immer eine Lösung. Denn nur so ertrage ich mich selbst.

Gut, zugegeben. Ich musste auf vieles verzichten: Ich schaute nie mehr fern (dies habe ich übrigens bis heute beibehalten), ich konnte am Samstag nicht mehr viel Einladungen machen geschweige denn fortgehen, denn um 24h00 musste ich spätestens posten. Dies war für mich sehr schwierig, als wir im Hotel jeweils Hochsaison hatten und ich bis 21h00 oder länger arbeiten musste. Da sass ich während mindestens einem Jahr manche Nächte an meinen Texten bis 4h00 oder auch länger. Es war der Willen, der mich antrieb!

Mein Mann hatte nicht allzu viel von mir. Wir arbeiteten zusammen im Hotel und wohnten in der obersten Etage. Die Kinder gingen zur Schule und Kindergarten, die Kleine war zeitweise von einer Nanny betreut. Und das töllste für die Kinder war wenn ich lernen musste: Dann durften sie nämlich fernsehen nach ihren Hausaufgaben. Keine Ferien verbrachten wir ohne meinen liebsten Freund, den Laptop. Der lag abends auch immer neben meinem Bett. Mich trieb auch noch mehr an, dass ich eine Vorbildfunktion für meine Kinder einnahm. Mama muss lernen, Mama braucht ein Zvieri während dem Lernen, etc. War echt süss.

Ich konnte dies alles managen, die Wäsche wurde aber durchs Hotelpersonal gewaschen, die Wohnung geputzt. Ich musste Prioritäten setzen. Das hätte ich nicht mehr geschafft. Lieber unternahm ich etwas mit den Kindern und meinem Mann, wenn ich mal eine Pause brauchte. Wir bastelten auch viel. Oft sassen sie zu mir hin und ich unterbrach mein Studium um mich ihnen zu widmen. Dann legte ich halt wieder eine Nachtschicht ein.

Eigentlich war ich dann durch mit all den Modulen im 2015 und nahm die Masterarbeit in Angriff. Diese fiel mir nicht mehr so leicht. Ich war plötzlich total auf mich alleine gestellt. Ich fing sie an, doch ich hatte dann ein paar schwer verdauliche private Dinge, die uns als Familie widerfuhren (ich erzähl es euch bald mal in einem Beitrag) und ich wurde wiederum schwanger mit unserem 4. Wunschkind. Ich war gezwungen ein Jahr auszusetzen. Im 2016 kurz nach der Geburt startete ich wieder mit dem gleichen Thema und schloss die Arbeit im Mai 2017 mit nun 4 Kindern ab. Es fiel mir richtig schwer mit dem stillenden Kind. Denn die Nächte waren für sie und nicht für mein Studium bestimmt. Ebenso war ich viel müder als vorher. Aber ich gab mein Bestes und schloss ab. Die letzte Woche muss ich unerträglich gewesen sein. Mein Mann arbeitete weniger und stand mir bei, damit ich mehr freie Zeit von den Kindern hatte.

Am 28. Mai lud ich die Arbeit hoch. Mein Mann hätte eigentlich diese Tage Geburtstag gehabt, aber ich kriegte es nicht hin mit ihm feiern zu gehen. Er zeigte Verständnis. Wir feierten am 28. zusammen.

Vorfreude auf Diplomfeier

Seit diesem Tage freute ich mich auf Anfang Dezember, wo ich mit Kind und Kegel an die Diplomfeier gehen würde. Aber diese Freude legte sich gegen September, wo ich das erste Mal ernsthaft nach Tickets und Hotel suchte: Nichts für Grossfamilien und schon gar nicht in unserem Preisniveau. Ich verdrängte es, dachte, eine Lösung gäbe es immer. Doch leider fand sich die nicht. Dann startete die Suche nach Betreuungspersonen für 3 Tage für die Kinder. Doch diese fanden sich auch nicht so richtig. Es war einfach schwierig. Weiter stillte die Babytochter ständig, Viren flogen ins Haus und steckten alle mehr oder weniger an, etc.

Mit Zähneknirschen musste ich akzeptieren, dass ich als MOMof4 (Mama von 4 Kindern) vielleicht doch überfordert bin so eine Reise hinzubekommen im Moment? Mein Mann meinte, wie könnten es schaffen, aber wie, das wusste er auch nicht. Ich glaube, er fühlte sich furchtbar. Viel schlimmer als ich.

Als die Deadline verstrich, an der ich hätte melden sollen, ob und wann ich komme, erhielt ich eine E-Mail, in der stand, dass ich nur noch „In Absentia“ diplomiert werden könne. Ich brach in einen Weinkrampf aus. Die ganzen Jahre für nichts! Die ganze Anstrengung für nichts! Ich hatte mir das so schön ausgemalt mit meinen Kindern zusammen dort das Diplom überreicht zu bekommen. War ich doch schon die erste Mutter schweizweit, die die Schweizerische Tourismusschule abgeschlossen hatte.

Was nun?

Nach einem halben Tag hatte ich mich wieder beruhigt. Was soll das Affentheater? All meine Sorgen? Warum sollte ich so eine Reise mit oder ohne Kinder in Angriff nehmen und ein Vermögen investieren, wenn es doch einfach kaum machbar ist? Ich habe nun die liebsten Kinder dieser Erde, die ich niemals missen möchte. Was sind da ein paar Photos mit dem akademischen Anzug, etc.? Natürlich erhalte ich mein Diplom auf dem Postweg und wo ist der Unterschied? Schon während dem ersten Studium war ich schwanger und konnte nie mit den anderen mitziehen, wenn sie in den Ausgang gingen. Damals war das für mich nicht so schlimm. Ich hatte ja mein kleines Baby, zu dem ich mich immer hinkuschelte abends. Das Verlangen nach Ausgang war gar nicht da. Nur manchmal war ich etwas einsam, da keine meiner Freundinnen halt schon Kinder hatte und deswegen einen anderen Rhythmus lebte. Meine ganze Mutterschaft lief wie ein Film an mir vorbei. Die Geburten, das erste Lächeln, die fröhlichen Momente, die ersten Worte, Diskussionen – einfach alles! Es ist doch so wunderschön Mutter zu sein! Ich möchte keinen einzigen Augenblick davon missen!

Gestärkt von meinen Bildern vor Augen informierte ich meinen Mann ganz gefasst, dass wir nicht hinfliegen würden. Er war doch sehr überrascht, aber sehr wahrscheinlich fiel im ein Stein vom Herzen. Ich erinnerte mich an einen Workshop, für den ich für 5 Tage einmal nach Mallorca gegangen war. Für mich war es toll, ausser dem, dass ich mir um meinen Mann Sorgen machte. Während 24 Stunden für die Kinder dazu sein, war für ihn sehr anstrengend.

Meine Entscheidung nicht zu gehen ohne ihn war sowieso klar. Mit wem sollte ich meinen Studienabschluss feiern? Durch das Fernstudium kenne ich die anderen nicht so gut. Die meisten meiner virtuellen Bekannten hatten ein Jahr oder halbes Jahr vor mir abgeschlossen.

Die nächste Nacht schlief ich ganz ruhig. Die Entscheidung getroffen zu haben machte mich stark. Ich war bereit für meine Familie Kompromisse einzugehen. Sie würden dies wohl auch für mich tun.

 

Was denkst du über meine Entscheidung? Wäre es dir auch so schwer gefallen? Hättest du es anders gemacht? 

Welche Kompromisse bist du deiner Familie wegen eingegangen?

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